
Google+ erzeugt langsam aber sicher einen immer stärkeren Sog, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann. Egal, ob man ein Unternehmen im Internet nach vorn bringen will oder ob man sich auf Personal Branding spezialisiert hat: Google+ ist gekommen, um zu bleiben. Und Google+ ist in jedem Fall “leider geil”! Gründe? Folgen hier gleich jede Menge – von unserem Kolumnisten Björn Tantau.
Zugegeben, mit abgedroschenen Phrasen ist das so eine Sache. “Leider geil” ist eine solche abgedroschene Phrase. Gleiches gilt für “gekommen, um zu bleiben”. Google+allerdings ist ganz und gar nicht abgedroschen und auch wenn ich es in diesem Jahr auf Konferenzen schon Sätze wie “Google+ IST abgedroschen” oder “zu Google+ wurde schon ALLES gesagt” hören musste, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Macher hier ein sehr cleveres Tool zusammengeschustert haben, das richtig raffiniert ist.
Google+ ist ein Nachzügler
Problem: Google+ hatte einen schwachen Start. Facebook und andere Social Networks waren Mitte 2011 etabliert. Als Google+ an den Start ging, wurde es belächelt. “An Facebook kommt Google+ nicht heran”, hieß es. “Google+ ist eine Geisterstadt”, sagten viele – auch etablierte Medien. Die Strategie von Google zum Start seines eigenen sozialen Netzwerks war mit Sicherheit an vielen Stellen schlecht geplant und durchgeführt, und man hätte sich einiges an Trouble ersparen können. Ich erinnere an dieser Stelle nur an die völlig überflüssige Diskussion zum Thema “Klarnamen”.
Doch kommen wir zu dem, was Google+ erstens “leider geil” und zweitens “clever” macht. Google+ ist ein soziales Netzwerk, das aber einen komplett anderen Ansatz hat, als das zum Beispiel bei Facebook der Fall ist. Rein strategisch könnte man auch Google+ unter anderem zur Erweiterung der eigenen Reichweite nutzen – wenn das nur der einzige Sinn wäre. Facebook hat primär diesen Sinn, denn es ist nicht in einen Verbund eingebunden, wie man ihn bei Google und somit auch bei Google+ hat. Kann Google+ Facebook schlagen? Keine Ahnung, wen interessiert’s? Das muss gar nicht sein, denn die Verzahnung von Google+ in immer mehr Google-Dienste macht deutlich, wohin die Reise geht.
Google+ ignorieren? Aus meiner Sicht fahrlässig. Tut man es doch, dann verpasst man diverse Chancen und nutzt zahlreiche Potenziale nicht. Hintergrund: Google ist eine Suchmaschine, die davon lebt, dass die Nutzer mit ihr in vielen Fällen sehr zufrieden sind. Wenn die Suchergebnisse eine bestimmte Qualität aufweisen, dann nutzen die User Google auch weiter. Und um diese Qualität aufrechtzuerhalten, tut Google einiges. Unter anderem Google+ betreiben. Der Vorteil für alle, die mitmachen: Man kann sich schon jetzt positionieren und dafür sorgen, dass man in Zukunft eben nicht auf einen schnell fahrenden Zug aufspringen muss.
Mit Google+ will Google nicht nur ein eigenes sozialen Netzwerk etablieren. Die Zahl von mittlerweile schon 100 Millionen aktiven Nutzerinnen und Nutzern zeigt ganz nebenbei, dass das Konzept durchaus aufgeht. Und auch wenn das nicht so viele User sind wie bei Facebook - für das eigentliche Ziel von Google, soziale Daten zu bekommen, sind es schon jetzt mehr als genug. Rein statistisch gesehen kann man bei einer so großen Menge an Personen schon ablesen, wofür sich die Masse generell interessiert. Es gibt immer wieder Ausreißer nach oben und nach unten. Der Mittelwert wird sich anpassen. Dieses Prinzip wird auch das “Gesetz der großen Zahlen” genannt. Kurz im Zusammenhang mit Google+ erläutert: Egal wie groß die individuellen Unterschiede aller Google+ Nutzerinnen und Nutzer sind, in der Masse werden sind letztendlich alle ziemlich gleich. Und genau dieses Prinzip versetzt Google in die Lage, aus seinem Netzwerk Durchschnittswerte zu ziehen, die bei der Verfeinerungen der Suchergebnisse einfließen können.
Auf der anderen Seite wird das gleiche Prinzip verwendet, um eben nicht auf Masse zu gehen, sondern eingeloggten Nutzern auf Basis der Verknüpfung mit Freunden und Brands innerhalb von Google+ individuellere Ergebnisse zu zeigen, die sich theoretisch ständig ändern können. Für Google auf jeden Fall ein Vorteil, für Branchen wie zum Beispiel die Suchmaschinenoptimierer eine neue Herausforderung. Um darauf zu reagieren, muss man Google+ in sein Blickfeld rücken und kann es nicht mehr igonieren. Der Content wird noch wichtiger und viel bedeutender: Auch der Urheber des Contents bekommt einen neuen Stellenwert. Google will nicht mehr nur wissen, welches der beste Content ist. Google will wissen, wer der beste Autor ist. Und dieses Vorhaben bringt alles auf eine ganz neue Ebene.
Reputation wird Internetwährung Nummer 1
Bleiben wir also bei Inhalten, die von einzelnen Autoren verfasst werden. Dafür hat Google bereits den AuthorRank eingeführt. Noch mag er das Ranking nicht beeinflussen. Das wird sich aber ändern, weil es logisch und sinnvoll ist. Es verhält sich ein bisschen wie mit einem Buchautor. Wer für gute Inhalte bekannt ist, gilt vielen Menschen als vertrauenswürdiger. Vertrauenswürdiger im Sinne dessen, als dass eine solche Person auch künftig aller Voraussicht nach gute Inhalte produzieren wird, weil er das auch schon in der Vergangenheit getan hat. Google will also weg von der Bewertungsgrundlage “Backlink”. Nachvollziehbar, schließlich ist ein Backlink relativ leicht zu manipulieren. Ein menschliches Profil zu manipulieren ist nicht unmöglich, aber deutlich schwieriger. Und der AuthorRank ist untrennbar mit dem AuthorTag verbunden. Im Klartext: Nur wer ein Google+ Profil hat und Google eindeutig sagt, dass dieser und jener Content (über die Verifizierung von Quelle und Ziel in einem Google+ Profil) von ihm (oder ihr) ist, der (oder die) hat die Chance, den eigenen AuthorRank in die Höhe zu treiben.
Doch damit nicht genug. Würde der AuthorRank sich nur über ein vorhandenes Google+ Profil definieren, dann hätte Google es auch sein lassen können. Weil aber diverse andere Faktoren höchstwahrscheinlich in den AuthorRank einfließen, wird es immer sportlicher, hier ohne Google+ erfolgreich zu punkten. So ist davon auszugehen, dass solche Dinge wie Anzahl der Kreise, in denen sich ein Autor bei Google+ befindet, für den AuthorRank maßgeblich sind. Gleiches gilt für die Menge der Interaktionen bei Google+, die ein Autor auf seinen Content bekommt (und auch auf Websites durch den +1 Button).
Wie oft veröffentlicht ein Autor Inhalte bei Google+ und wie sehr interagiert er selbst? Wird er erwähnt, auf welchen Websites ist er Publisher? Schreibt er nur selten oder häufig? Welche Themen bedient er und wie viele Menschen lesen das? Letztendlich haben all diese potenziellen Metriken nur einen Sinn: Google will wissen, wer die Influencer im Internet sind. Welche Personen beeinflussen andere und mit welchen Themen tun sie das? Und weil man eben all diese Benefits für sich als Autor nicht nutzen kann, wenn man kein Google+ Profil hat, ist das schon verdammt clever. Wer nicht zurückbleiben will, der beißt in den sauren Apfel (sofern er oder sie Google+ nicht mag) und freundet sich mit dem sozialen Netzwerk aus dem Hause Google an. So oder so entsteht ein Sog, der dazu führt, dass es immer mehr Nutzerinnen und Nutzer bei Google+ geben wird.
Google+ erzeugt Sog und Druck gleichermaßen
Ähnlich wird sich die Geschichte für Unternehmen entwickeln. Heute wird noch oft gesagt: “Wir haben eine Facebook Page mit vielen Fans, das reicht uns. Wir brauchen keine Google+ Unternehmensseite.” Kann man so sehen, sollte man aber nicht. Grund: Mit einer Google+ Page muss man nicht zwingend versuchen, neben Facebook eine hohe Reichweite aufzubauen. Zwar gibt es Leute, die durchaus auch schon heute nicht mehr bei Facebook, sondern nur bei Google+ aktiv sind. Das ist aber (noch) eine Minderheit. Viel wichtiger ist eine Google+ Page für Unternehmen, weil sie verknüpft, verizifiert und überprüft werden kann. Das bedeutet, dass man mit einer solchen Präsenz auf Google+ ähnlich wie mit einem persönlichen Profil dafür sorgen kann, dass Inhalte, die man selbst veröffentlicht, einen höheren Stellenwert bei Google bekommen – je nachdem, wie oft Inhalte erscheinen, wie hochwertig sie sind und in welchem Maße von anderen auf sie reagiert wird.
Eines sollte wohl klar sein: Wenn ein Unternehmen bei Google+ eine hochwertige Page hat, die viele gute Inhalte produziert, von vielen eingekreist wurde und jede Menge soziale Interaktionen wie +1, Kommentare oder Shares bekommt, dann kann das nicht nachteilig sein. Ganz nebenbei wird so tatsächlich auch noch zusätzliche Reichweite generiert, aber durch die Verknüpfung mit der eigentlichen Website erhält diese eine ganz andere Bedeutung. Ähnlich wie beim AuthorRank für persönliche Profile steigt die Firmenwebsite im Ansehen von Google, weil sie eben gute Inhalte produziert und sich mit Google+ verbunden hat.
Schreibt nun ein guter Autor mit hohem AuthorRank auf einer angesehenen Website, die ein mächtiges Google+ Unternehmensprofil hat, dann kann man meiner Ansicht nach auf jeden Fall davon ausgehen, dass sich das früher oder später sehr positiv auf die Rankings auswirkt. Alles andere wäre unlogisch und außerdem ist es in der realen Welt nun mal eben ganz genau so. In der Regel genießen für ihre gute Qualität bekannte Autoren eine höhere Reputation. Beispiel dafür in der echten Welt ist unter anderem Frank Schätzing. Der Mann ist angesehen, weil er gute Bücher geschrieben hat.
Im Internet gibt es ebenfalls Beispiele, die die digitale Variante in den Fokus stellen. Nehmen wir Rand Fishkin. Als Gründer und Inhaber von seoMOZ ist sein Name so gut wie allen Personen auf diesem Planeten, die sich auch nur ansatzweise seriös mit dem Thema SEO befasst haben, ein Begriff. Seine Reputation ist hoch, seinem Urteil wird vertraut. Völlig klar, dass auch Google das als “Suchergebnisaufbereitungsmaschine” in irgendeiner Form honorieren muss.
Google+ wird für Aufsehen sorgen
Warum ist Google+ also so verdammt clever? Es zwingt uns, das Internet endgültig als digitales Abbild des ganz normalen Lebens in der realen Welt anzuerkennen, ob man das nun will oder nicht. Natürlich wird das nicht über Nacht passieren, aber hey… seien wir mal ehrlich. Welche Entwicklungen gehen schon wirklich richtig schnell? Es dauert ein paar Jahre, bis sich neue Mechanismen und Denkweise etabliert haben. Je mehr Leute aber verstehen, wohin Google mit Google+ will, desto mehr Menschen werden es auch nutzen. Von Firmen ganz zu schweigen.
Die Sogwirkungen, die ich weiter oben beschrieben habe, werden in den kommenden Monaten und Jahren dafür sorgen, dass Google+ größer und größer wird. Mächtiger und einflussreicher natürlich auch. Solange man immer noch “den Stecker ziehen” und sich somit auch als Onliner all dem entziehen kann, sehe ich keine gravierdenden Gefahren. Datenschützer vermutlich schon – das ist aber wahrlich eine andere, sehr nervenaufreibende Geschichte. Und wer immer sich über “Datenkraken” wie Google oder Facebook beklagt, für den hab ich einen Rat: Niemand muss online sein, das machen wir alle freiwillig. Wer also über sich nichts preisgeben will, der sollte Zeitung lesen und nicht online sein. Kein Google+, kein Facebook, keine Email. Dann aber auch keine Kinokarten oder Flugtickets online bestellen, bitte. Ansonsten wird’s nämlich schnell heuchlerisch und “leider ungeil”…
Quelle : t3n.de